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Vercors


geb.1902 - gest.1991 (Paris)
†

Eigentlich hieß er Jean Marcel Bruller und zeichnete Karikaturen. Während der deutschen Besatzung Frankreichs schloss er sich dem Widerstand (Résistance) an, wählte das Pseudonym Vercors und versuchte, durch  Kurzgeschichten und Romane den Widerstand der französischen Bevölkerung wachzuhalten. Es galt zu verhindern, dass sie sich in ihr Schicksal ergab.

(Le Vercors ist ein Gebirgszug in den französischen Alpen, der wegen seinen Unzugänglichkeit das Zentrum der Résistance wurde)

Das Pferd und der Tod
(Übersetzung: Bettina Knust)

 

Adolf Hitler mit Arno Breker und Albert Speer

Ich hörte ihren Geschichten nur flüchtig zu. Manchmal fand ich sie witzig, aber die meiste Zeit erschienen sie mir eher albern. Mit meinen Händen wärmte ich das kleine Glas mit dem Alkohol, und am Ende lachte ich mit wie alle anderen, allerdings mehr Höflichkeit. Ich hatte den Eindruck, dass es unserem Wirt ebenso erging wie mir. Als allerdings Jean-Marc sich räusperte, um seine Stimme mehr Klarheit zu verleihen, schaute er ihn an, lächelte und gab so zu verstehen, dass er zuhörte.

 „Meine Geschichte ist wahr“, sagte Jean-Marc.“ Ich bin nicht immer der Spießer mit Bauchansatz gewesen, den ihr jetzt vor euch seht. Ich war nicht immer Hausverwalter. Ich war mal ein angehender Architekt, der bei seinen Freunden beliebt war, weil er viele Einfälle hatte. Es ist schon erstaunlich, dass Einfallsreichtum eine so schnell vergängliche Eigenschaft ist.

 „An jenem Tage ...oder besser gesagt, in jener Nach damals, waren wir etwa ein halbes Dutzend, und wir hatte reichlich getrunken und gesungen, bei Balazuc, rue des Beaux-Arts, ihr kennt ihn, seinen Tavel[1] , man trinkt ihn weg wie Wasser.
„Man trank ihn...“, sagte Maurice traurig.

 „Ach, das wird schon wieder“, sagte Jean-Marc. „Wir jedenfalls gingen den ganzen Boulevard Saint-Germain hinunter. Es war so zwischen Mitternacht und ein Uhr. Wir wollten irgendwas machen, uns einen Spaß machen. Ich habe nie verstanden, wieso sich das ganz plötzlich von selbst anbot: ein leerer Wagen mit einem Pferd, das man an einen Baum gebunden hatte. Ohne Kutscher oder sonst wen. Es war ein gutes, kräftiges Pferd, das im Stehen schlief, mit hängendem Kopf. Wir haben es losgebunden und es ist uns ganz willig gefolgt, ganz so wie diese Pferde, die scheinbar alles, was man von ihnen verlangt, seltsam und doch ganz selbstverständlich finden.“

„Jeder setzte sich mal auf seinen Rücken und die, die zu Fuße nebenher liefen, trieben es mit der Hand oder durch Rufe an. Ich habe es sogar einmal zum Galoppieren bringen können, wenn auch nicht für lange, höchstens zehn oder zwölf Meter. Wenn wir es in Ruhe ließen, wurde es so langsam, dass es fast stehen blieb und an Ort und Stelle einschlief. Wir ließen es alle möglichen Umwege machen. Eigentlich hatten wir bald schon genug davon, aber wir wussten nicht, wohin mit ihm. Es zu seinem Wagen zurückzubringen kam nicht in Frage, das war zu weit. Wir hatten etwa die Rue d’Assas erreicht, oder die Rue de Fleurus, irgendwie waren wir da in der Gegend.


Jedenfalls hatte ich plötzlich die Idee! Kennt ihr die Rue Huysmans? Es ist die gesichtloseseste Straße von Paris. Es ist eine absolut spießige Straße: stellt euch vor, sie wurde in einem Zuge gebaut, auf jeder Seite stehen Häuser aus Sandstein, ziemlich spießig. Kein einziger Laden, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie trist eine Straße ist, in der es kein einziges Geschäft gibt. Keinen Fußgänger. Alles grau in grau, gewollt vornehm, hochnäsig, einsam. Eine Straße mit Portierslogen, aber kein Portier zeigt sich mal an der Tür. Plötzlich fiel mir ein, wie ich mich für diese Straße rächen könnte.

Oder mich wenigstens an einem der Portiers rächen könnte. Egal an welchem. Wir haben unser Pferd dahin geführt. Dann klingelten wir an einer Tür, es war eine wundervolle Tür aus Schmiedeeisen mit großen Scheiben. Wir haben unser Pferdchen reingeholt und es bis vor die Portierloge geschoben. Und einer von uns sagte ganz laut, nein er rief wie ein spät heimkehrender Bewohner, mit einer Stimme, als ob er wiehert: “Pfeheheherd“.
Und dann sind wir auf und davon, ich weiß nicht, was dann passiert ist.

Na ja, so witzig ist das auch nicht, aber wenn man etwas Fantasie hat: Da steht der Klepper ganz allein im Hausflur, unbeweglich, er sieht ziemlich komisch aus und weiß nicht, was er da soll.  Und der Pförtner hört den komischen Namen, an so einen Mieter kann er sich gar nicht erinnern. Er öffnet seine Klappe, er sieht ein richtiges Pferd, der ihm seinen länglichen Kopf zuwendet und ihn traurig ansieht, und im Halbschlaf fragt er sich eine Minute lang, ob die Pferde jetzt nach Hause kommen und ihren Namen rufen.

Das ist vor zwanzig Jahren passiert, und jedes Mal muss ich lachen, wenn ich daran denke.

Der Wirt stellte sein Glas ab und sagte.
„Ich werde euch eine wunderschöne Geschichte über Hitler erzählen.“
Den Gedankensprung fand ich ziemlich seltsam.

 „Es ist eigentlich fast die gleiche Geschichte, fuhr er fort, deshalb ist sie mir eingefallen. Und es ist auch eine wahre Geschichte. Z*** hat sie erzählt, und er ist gut bekannt mit Brecker. Das ist zwar kein Beweis, dass sie stimmt, aber ich bin dennoch sicher, dass es so ist. Weil sie eigentlich kein Ende hat. Wenn man sich eine Geschichte ausdenkt, würde man auch das Ende dazu erfinden.

Es geschah, als Hitler 1941 in Paris einzog. Das wisst ihr ja. Er traf um 5 Uhr morgens ein. Er ließ sich zu allen möglichen Plätzen kutschieren. Es gibt ein sonderbares Foto – sonderbar für uns – da steht er auf der Terrasse des Palais de Chaillot. Vor einer wunderschönen, vielleicht sogar der schönsten Stadtkulisse der Welt. Ganz Paris liegt zu seinen Füßen. Ganz Paris
schläft und weiß nicht, dass Hitler die Stadt betrachtet.

Er ließ sich auch zur Oper fahren, er ging sogar hinein. In die Oper um sechs Uhr morgens... stellt euch das mal vor. Er hat sich zeigen lassen, welches die Loge des Präsidenten war und sich hineingesetzt. Saß ganz allein in dieser Loge, ganz allein in der Oper um sechs Uhr morgens. Ich weiß nicht, wie ihr das seht. Ich jedenfalls empfinde das als pathetisch, diesen ganzen Besuch in Paris finde ich ziemlich pathetisch. Dieser Mann hat Paris zwar erobert, aber er weiß, dass er diese Stadt nur besitzen kann, wenn sie schläft, und dass er sich in der Oper nur in der staubigen Verlassenheit des anbrechenden Tages sehen lassen kann.

Aber das alles passierte erst später. Was ich euch erzählen will, geschah vorher, bei seiner Ankunft. Breker empfängt ihn, der düstere Brecker, den Hitler als seinen Michelangelo bezeichnet. Und der Führer sagt:

- Bring mich als erstes dorthin, wo du vor zwanzig Jahren gewohnt hast. Ich will sehen wo du gearbeitet hast, ich will dein Atelier in Montparnasse sehen.

Skulptur vom Arno Breker

Also fährt der Wagen in Richtung Rue Campagne Première oder zur Rue Boissonade, ich weiß es nicht mehr genau, eine dieser Straßen. Breker fährt langsam, er kennt sich nicht mehr richtig aus, vieles hat sich geändert in zwanzig Jahren. Aber dann erkennt er das große Einfahrtstor wieder. Sie steigen aus und klopfen.

 Mir scheint, jetzt braucht ihr genau so viel Fantasie wie vorhin für den Portier mit dem Klepper. Hier gibt es keinen Portier, sondern eine alte Hausmeisterin; es gibt keine Loge mit einem Fenster zum öffnen, sie muss selber herunterkommen.

Das beharrliche Klopfen weckt sie auf, sie fragt sich etwas ängstlich, was los ist, sie streift einen Morgenrock über oder einen Mantel, geht die Stufen von ihrem noch dunklen Zwischengeschoss herunter, sie fummelt ein wenig mit ihren alten Händen an dem widerspenstigen Schloss herum, bis es ihr gelingt, es zu öffnen.

Schließlich geht die Tür auf, sie sieht nach und erblickt

                                                      H I T L E R

Das ist alles. Aber die Geschichte ist erstaunlich und vielsagend, gerade weil es verständlicherweise überflüssig ist zu erwähnen, dass sie voller Angst aufschreit  und dass sie wegen dem unglaublichen Anblick die Tür wie unter Schock wieder zuwirft. Man könnte auch sagen, sie hat den Teufel gesehen. Denn es hätten ja auch andere Deutsche sein können. Dann hätte sie wohl auch Angst gehabt, sie hätte sich gefragt, was wollen die? aber sie hätte sie eintreten lassen – voller Angst wahrscheinlich – aber trotzdem.

Oder stellt euch Franco oder Mussolini vor. Sie hätte sie wahrscheinlich nicht so schnell erkannt und außerdem hätte sie die Tür nicht mit einem Angstschrei wieder zugeschlagen. Nein, was sie dort vor der Tür sah, war so schrecklich, so furchterweckend und angstmachend als wäre es der Tod selber gewesen, der Tod mit seiner Sichel und dem Leichentuch und mit dem bösartigen Lächeln um seinen lippenlosen Mund.

 (französisches Original: Vercors, Le Silence de la mer et autres récits, Livre de Poche 1994)

 

[1] Wein aus dem Rhone-Tal

An jenem Tage