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Der Schriftsteller Amos Oz verfasste 2005 anlässlich des 40. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel ein Essay, dessen Aussagen zum Teil heute noch aktueller sind als damals.

Hier sind die wichtigsten Abschnitte zusammengefasst. Das ganze Essy wurde in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung Band 509 unter dem Titel "Israel und Deutschland" veröffentlicht.

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1965 wurden zwischen dem Staat Israel und der Bundesrepublik Deutschland diplomatische Beziehungen aufgenommen. (…) Der deutsche Bundeskanzler Ludwig Erhard entsandte den Botschafter Rolf Pauls zu uns, einen ehemaligen Wehrmachtsoffizier, der während des Zweiten Weltkrieges an der russischen Front einen Arm verloren hatte. Damit rang Erhard dem Staat Israel, wenn auch von israelischer Seite aus unter Widerstreben, eine Legitimierung der Wehrmachtssoldaten ab. (…) Israel entschied sich bei der Wahl seines ersten Botschafters für den in Wien geborenen Asher (Artur) Ben-Natan. (…) Ben-Natan, ein blonder, hochgewachsener, breitschultriger, blauäugiger Mann hätte als Double der berühmten Schauspielers Curd Jürgens fungieren können. Er sah aus, als sei er mit Absicht ausgewählt worden, Deutschland die Gestalt eines »arischen Juden« zu präsentieren – ein Jude, der äußerlich von dem durch die antisemitische Propaganda verbreiteten Zerrbild des Juden unermesslich weit entfernt war. (…)

Schließlich musste ich mir selber sagen, dass ich mich eigentlich endlich aufraffen sollte, nach Deutschland zu fahren – und mir gleich eingestehen, dass ich vor dieser Reise Angst hatte. Siegfried Lenz und seine Frau Lieselotte hatten uns Ende der siebziger Jahre im Kibbuz Hulda besucht und zu einem Gegenbesuch eingeladen. Vom ersten Augenblick an liebte ich diese Menschen, die mir zusammen mit dem deutschen Botschafter in Israel Anfang der achtziger Jahre, Nils Hansen, einen warmherzigen und feinfühligen Mann, halfen, die Angst ein Stück weit in den Griff zu bekommen. Andere deutsche Freunde halfen ebenfalls. Und so machte ich mich 1983 endlich auf den Weg nach Deutschland. (…)

Seitdem war ich mindestens fünfzehnmal in Deutschland, zu verschiedensten Anlässen, auf von meinem deutschen Verlagshaus    organisierten Lesereisen, zu Diskussionsrunden, auf Konferenzen und Symposien, über Juden und Deutsche, über Israelis und Palästinenser, Deutsche und Araber. (…)

Hie und da tritt in Deutschland ein dunkler, beinahe zwanghafter Wunsch zutage, Vergleiche anzustellen, Parallelen zu ziehen oder kausale Verbindungen aufzuzeigen. Immer wieder schickt man mir freundliche Einladungen, zusammen mit palästinensischen Schriftstellern oder Dichtern doch ein paar Tage an einem friedlichen, sorglosen deutschen Urlaubsort zu verbringen, im Grünen, an ruhigen Gewässern. Damit wir einander kennenlernen, Freunde werden, uns davon überzeugen können, dass wir doch alle Menschen sind, dass die Juden nette und gute Menschen sind, dass auch die Araber nette und gute Menschen sind, dass unsere deutschen Gastgeber nett und gut sind und dass mit dieser netten und guten Erkenntnis doch vielleicht ein für allemal dem hässlichen und überflüssigen Konflikt ein Ende gesetzt werden können und alle von nun an nett und gut zusammenleben würden.

All das stützt sich in Deutschland, in ganz Europa weitverbreitete Annahme, dass jeder Konflikt im Grunde nichts anderes als ein Missverständnis sei. Ein bisschen Familienberatung, ein bisschen Gruppentherapie, ein bisschen gemeinsames Kaffeetrinken, und schon würden alle einander lieben.

Einmal, in Deutschland, bei einem dieser von deutschen Friedens- und Versöhnungstreibern initiierten Treffen, fragte mich eine junge deutsche Frau, deren Gesichtszüge mich an das Bildnis einer Kirchenmadonna erinnerten, ob auch ich die Meinung teilte, dass das deutsche Volk in gewissem Maße an der Tragödie des palästinensischen Volks schuld sei. Mir war klar, was man ihrem idealistischen Kopf eingetrichtert hatte: »Da sind diese Juden, die das Leiden überhaupt nicht geläutert hat, und jetzt tun sie den Palästinensern das an, was die Deutschen ihnen angetan haben.« Der Teufel ritt mich, und ich antwortete: ja, in der Tat sei Deutschland in gewissem Maß an dem Unglück der Palästinenser schuld, denn wäre die vorhergehende Generation der Deutschen weniger nachlässig gewesen und gründlicher an ihr Werk gegangen, hätten also die Nazis nicht einige Millionen Juden am Leben gelassen, so gäbe es heute keine palästinensische Tragödie. Diese Antwort war anscheinend nicht willkommen: Podium und Publikum blieben still, es war eine lange Stille, die Art Stille, die einst »Totenstille« genannt wurde. (…)

Je mehr deutsche Volontäre nach dem »Wiedergutmachungsabkommen« und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen in die Kibbuzim strömten, je mehr deutsche Touristen nach Israel kamen, um es zu bestaunen und seine Badestrände zu genießen, je mehr Israelis nach Westdeutschland reisten und im allgemeinen mit guten Eindrücken zurückkehrten, desto mehr entwickelten sich zwischen Israel und Deutschland nicht »normale Beziehungen«, sondern eine Art »Flitterwochen«. Die politischen Standpunkte Westdeutschlands waren für Israel angenehmer als die der meisten anderen westeuropäischen Staaten. Der israelische Markt wurde mit in Deutschland hergestellten Autos und Elektrogeräten überschwemmt. Die neue deutsche Literatur fand in Israel ein treues Lesepublikum, und seit Anfang der achtziger Jahre vertiefte sich das Interesse deutscher Leser an übersetzter Literatur.

Doch von der deutschen Seite aus waren diese »Flitterwochen« von vornherein mit einem gefährlichen Maß an sentimentaler Idealisierung infiziert. Das klägliche Ende der deutschen Begeisterung über die wundervolle israelische Gesellschaft war schon angelegt in dem, was dieser Begeisterung zugrunde lag.

Viele der deutschen Jugendlichen, die aus Idealismus und aus dem Wunsch heraus, »die Verbrechen der Vergangenheit ein wenig zu sühnen«, nach Israel gekommen waren, taten dies eigentlich als Teil eines Protestes und einer Rebellion gegen die Welt ihrer Eltern: Da unsere Eltern und Großeltern die Juden als Monster dargestellt haben, erwarten wir jetzt von ihnen, Heilige und Engel zu sein. Da unsere Eltern und Großeltern sie verachtet haben, werden wir sie verehren und ein herrliches, ein wunderbares Volk in ihnen sehen. (…)

Doch hinter der schwärmerischen Bewunderung verbargen sich überspannte Vorstellungen, wie die, dass jeder, der einmal Opfer von Verfolgung und Ungerechtigkeit gewesen war, zwingend aus seiner bitteren Erfahrung gelernt und sich in einen eingeschworenen Gerechtigkeitsapostel verwandelt haben müsse, dass also alle Leidenden, Gedemütigten und Gequälten in Folge ihrer Leiden, Demütigungen und Qualen wie von selbst auf eine hohe ethische, moralische Ebene erheben. (…)

Etwa Mitte der achtziger Jahre erlosch die deutsche Verliebtheit in Israel fast schlagartig und machte wütender Enttäuschung Platz, manchmal auch dem Gefühl, betrogene Liebende zu sein, deren Liebe und Hingabe missbraucht worden seien.

Die ganze Sympathie der Gutgesinnten und der Stützen der Unterdrückten in Deutschland wurde nun den Palästinensern im Besonderen und den arabischen Staaten und der »Dritten Welt« im Allgemeinen zugewendet. Und wieder war es eine begeisterte, sentimentale Sympathie, bedingungslos, unterschiedslos. (…)

Das Handeln Israels muss nicht Immunität vor Kritik genießen (und verdient es auch nicht), weder in Deutschland noch anderswo in der Welt und auch in Israel selbst nicht. (Auch wenn ich – wäre ich ein Deutscher, der den Wunsch hat, Israel oder die Taten der Juden zu kritisieren – es, aus historischen Gründen, vielleicht mit einem gewissen Maß an Takt zu tun versuchte.)

(…) Außer in einer Situation, einer Extremsituation, in der – und nur in der – es sich meines Erachtens für Deutschland geziemen würde, einen besonderen Standpunkt einzunehmen, der direkt aus den Folgen der Verbrechen Nazideutschlands gegen das jüdische Volk herrührt: In dem Fall, dass sich Israel in der unmittelbaren Gefahr der Vernichtung und des Völkermordes durch seine Feinde befände – in diesem Fall hat Deutschland die moralische Pflicht, Israel zur Hilfe zu kommen. Und zwar deswegen, weil eine vorhergehende Generation von Deutschen veranlasst hat, dass ein Drittel des jüdischen Volkes vom Erdboden ausradiert wurde. Das Fehlen dieser Millionen – und ihrer Nachkommen – ist der Grund dafür, dass das jüdische Volk bis in die Gegenwart geschwächt ist. (…)

Die Enkel der Mörder tragen natürlich kein Kainsmal, aber die Enkel der Ermordeten sind zumeist Menschen mit verletzter Seele. (…) Eine ungeheure Kluft tut sich also auf zwischen der Situation, in der die sich die Nachkommen der Ermordeten befinden. Auch wegen dieser Kluft hat es keinen Sinn, von einer Normalisierung zu sprechen. Man sollte besser über eine Intensivierung der Beziehungen sprechen, nicht von einer Normalisierung.

Arad, April 2005